demnächst

Madsen

+ Erik Penny


Samstag   06/11 2010   20.00 h
Bielefeld, Ringlokschuppen
vvk: 21,05 €



Madsen

www.madsenmusik.de
www.myspace.com/madsenband

Nur wer eine Herausforderung annimmt, kann sich mit etwas Glück und Geschick später über einen Sieg freuen. Das muss kein Sieg auf ganzer Linie sein. Oft sind es ja auch gerade die kleinen Triumphe im Leben, die wirklich zählen. Nicht der Sieg an sich, sondern das erhabene Gefühl, es geschafft zu haben. Bei den Aufnahmen zu ihrem vierten Album haben sich MADSEN einer besonderen Herausforderung gestellt. Und das Ergebnis, “Labyrinth”, lässt keinen Zweifel an ihrem Glück und Geschick ...

Die “klassische Herausforderung” - das landläufig als schwierige angesehene, dritte Album - konnten MADSEN bereits 2008 mit “Frieden im Krieg” bravourös krachend meistern. Das war kein Problem. Also wollten die Vier diesmal mehr. Die Idee lässt sich eigentlich in einem Wort zusammenfassen. Doch selbst Sebastian Madsen wagt es zunächst nicht, dieses Wort so einfach auszusprechen. Wir versehen es hier mal in aller Bescheidenheit mit dem entsprechen Satzzeichen: Es handelt sich um ... Grösse?

Das Gefühl von Grösse wie es in einem Stadion allgegenwärtig ist. Diese Grösse von bewegten Chören. Grösse im Klang, ohne dabei Fett anzusetzen. Grosse Gitarren. Grosse Worte. Grosse Produktion. Die Grösse einer eingeschworenen Gemeinschaft. Grösse in jeder Beziehung. Aber vor allem das Grösste, was das Leben zu bieten hat: das Leben selbst, die Liebe und eine universelle Umarmung. Das ganze Zeug also, das in den falschen Händen zu monumentalen Kitsch verkommt. Mit so etwas zu arbeiten, jegliche Peinlichkeit zu vermeiden und bei allem notwendigen /gerechten Pathos an keiner Stelle das Maß zu verlieren, DAS ist eine Herausforderung!

Wie man an seinen Herausforderungen wächst und dabei über sich hinauswächst, das zeigt kein deutsches Album der letzten Jahre deutlicher als “Labyrinth”. Ein Album, so gross wie das Verlangen, die Welt aus den Angeln zu heben. Die Magie dieses Unterfangens mag auch damit zusammenhängen, dass wir beim Namen MADSEN weniger an Stadion-Rock als an schwitzige Keller und durchgebrutze Verstärker denken. Für Thees Ullmann z.B., Tomte-Mastermind und so etwas wie ein moderner Torwächter der Indie-Coolness, war ihr Debüt das beste Album, seit er über Musik schreibt. Das ist bezeichnend. Obwohl MADSEN seit Stunde Null bei Universal unter Vertrag stehen, vermittelt ihre Musik und ihr Auftreten eine Authentizität, die für gewöhnlich einem Indieact, gern aus der Hamburger Schule, angedichtet wird. Wo der Indie-Spirit regiert, herrscht auch oft ein Hang zum Problematisieren. Die alles entscheidende Frage lautet dann: Darf man das? Spass haben? Auch mal die Sonnenseiten des Lebens besingen? Hemmungslos auf die Tonne hauen? Darf man natürlich nicht. MADSEN haben sich einfach das Recht genommen, es trotzdem zu tun. Vor diesem Hintergrund wird “Labyrinth” nicht nur vom Mut zur Grösse bestimmt, sondern auch von einer Art der Befreiung.

Sezieren wir exemplarisch den Titelsong, der das vierte MADSEN-Album programmatisch eröffnet, präsentieren sich bereits alle wichtigen Motive des Albums. Zunächst thematisiert sich hier die Fortführung dessen, was auch Amerikaner als Teenage-Angst kennen: ein Gefühl von zeitloser Orientierungslosigkeit und verwirrter Panik. Letzte Tanke vor dem Erwachsenenwerden sozusagen. Wir hören Radiogeräusche, dazu die Worte: “Das ist die Welt, das ist kein Traum, das ist die Realität. Das ist das Leben, öffne die Augen, du solltest sehen, worum es eigentlich geht.” Aber das ist eben nur der Anfang. Kaum sind die letzten Worte des Refrains verklungen - “... ein Kind, das viel zu leise nach Freiheit schreit” - gibt es einen Break, der Geschichte schreibt. Schweinegitarre, Trommelwirbel und weiter geht es im Takt einer durchzechten Nacht. Mit dem nächsten Break verdreht sich der Song kurzzeitig zu einem leicht hysterischen Glam-Prog-Monster, das “Raus! Raus! Raus! Raus! Raus! Raus!” skandiert, bevor es noch mal mit etwas mehr Effet weitergeht und Sebastian glaubhaft versichert: “Du kannst fliegen, wenn Du willst. Du kannst fliegen, du kannst fliegen - über dein Labyrinth.” Dazu gibt es in einem emotionalen Showdown noch mal die tröstliche Kernbotschaft: “Was auch immer geschieht, da ist immer irgendjemand, der dich liebt.”

Inzwischen ist nicht mehr Zeit vergangen als ein paar Minuten, auch wenn der Stoff für epische Spielfilme reichen würde. Genau so soll es auch weitergehen. Das Kleine reibt sich am Grossen, das Private kollidiert mit dem Öffentlichen, die Lust kämpft mit der Überzeugung, und dazu gibt es auch immer wieder etwas von dem, was die amerikanischen Rasta-Punks Bad Brains mal auf die Formel “I against I” gebracht haben. Da überrascht ein Song wie “Mein Herz bleibt hier”, scheinbar einer unglücklichen Liebe gewidmet, im Refrain mit eher klassenkämpferischen Einsichten wie "Auf den billigen Plätzen sind die netteren Leute, auf den kleinen Hochzeiten gibt's die schöneren Bräute, ich schlafe lieber im Zelt als im teuren Hotel, die schönsten Dinge der Welt bekommt man ohne Geld!"

In einem anderen, besonders energischem Song mit dem bezeichnenden Titel “Blockade” bringt Sebastian das Dilemma auf den Punkt: Auf der anderen Strassenseite spielen sie Hacky-Sack aber er will nicht mitspielen. Und wenn dort die Sonne scheint, bleibt er lieber im Schatten. Da gibt es “richtig geile Second Hand Shops”. Aber so sehr er es auch will, er kann einfach nicht rübergehen - zwischen ihm und der anderen Strassenseite “liegen 1000 Kilometer”. Die besondere Qualität von “Labyrinth” ist es, bei allem Willen zur Grösse und Hang zum Tröstlichen genau diese Gefühle nicht zu verraten.

Am Ende heisst es im letzten Song auch nicht “wir werden Sieger sein” sondern “wir werden wie Sieger sein” - weil es eben unabhängig vom Ausgang manchmal einfach nur darum geht, es gemeinsam getan zu haben. MADSEN haben es getan, gemeinsam mit ihrem Produzenten O.l.a.f. O.p.a.l. haben sie das Album mit dieser komischen Idee von “Grösse” realisiert, es hat sie zwei Jahre gekostet - “vielleicht die beste Zeit in unserem Leben” wie sie in einem anderen Song singen. Für viele ist “Labyrinth” ein grandioser Sieg ohne Wenn und Aber, das beste Album der bisherigen Karriere der Band. Für MADSEN selbst ist “Labyrinth” vor allem ein persönlicher Gewinn. Diese Haltung macht sie am Ende zu echten Siegern, zu den Siegern der Herzen.


Support: Erik Penny

www.myspace.com/erikpenny

Manchmal können vermeintlich kleine Wege doch ganz schön weit sein. So auch der des Erik Penny. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er Neu-Berliner. Von Potsdam zugereist. Nun, das machen doch täglich Tausende von Menschen, warum muss das denn extra erwähnt werden? Vielleicht deshalb, weil Mister Penny in Potsdam, New York geboren wurde und dann über El Paso, Texas und Los Angeles, Kalifornien nach Berlin, Deutschland übersiedelte. Nicht der direkteste Weg also. Rein geografisch gesehen.

Rein künstlerisch gesehen hat der umtriebige Singer/Songwriter ebenfalls einen weiten Weg zurück gelegt. Denn seine kreativen Anfänge sah Klein-Erik zunächst einmal in der Bildenden Kunst. Malen, Zeichnen, Klecksen. Und dabei immer ein Liedchen auf den Lippen. Erst durch Zufall – und eine dreiste Lüge („Klar kann ich Bass spielen!“) - wurde Erik mit 16 Sänger und Basser in seiner ersten Band und entdeckte die Welt der Musik für sich. Er komponiert, probt, nimmt auf, liebt die Bühne und sammelt so Erfahrungen, die ihn schließlich mit 24 in die Stadt der Engel treiben. Los Angeles. Sein Ziel fest im Blick: Seine Berufung zum Beruf zu machen, als Musiker zu bestehen. Vier entbehrungsreiche Jahren später, in denen Penny das Schicksal vieler aufstrebender Künstler teilte und sich als Tellerwäscher, Bedienung, Barkeeper und was nicht alles durchschlagen musste, endlich die erste eigene Band „Penny“. Nach drei weiteren Jahren, wir schreiben mittlerweile 2004, dann die Entscheidung, nunmehr als Soloartist zu reüssieren. Von da an geht es förmlich Schlag auf Schlag und der Sänger und Gitarrist veröffentlicht Summer Stars - EP (2005), Footprints - LP (2006), Self Titled - EP (2007) und The Linger Kiss - LP (2008). Und dann, im September 2008 der große Schritt über den großen Teich nach Deutschland. In die Hauptstadt. Seine Beweggründe für diesen Sprung ins Ungewisse: Das Abenteuer L.A. verlor seinen Reiz. Einfach weil es in den USA liegt und sich Penny somit kulturell und sprachlich nicht weiterentwickelt hatte, nicht weiterentwickeln konnte.

„Heute ist jeder Tag ein Abenteuer und eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht. Ich fühle täglich, dass ich wachse, vorwärts strebe, etwas erreiche und inspiriert bin,“ fasst der Songschreiber sein erstes Jahr in seiner neuen Heimat zusammen. Und – das Wichtigste – er fühlt sich angekommen. Zuhause. Obwohl er sich hier erst noch bestätigen muss und kein Sicherheitsnetz hat, das ihn auffangen könnte.

Im Januar 2009 seine erste Solotour durch die Republik. Zwischen Juni und August produziert der nimmermüde Künstler sein neues Album Bend. Mit Musikern, die er ausschließlich in Berlin kennengelernt hat, beispielsweise Mocky (Gonzales, Feist, Jamie Lidell ...), Markus Runzheimer (Bushido), Gabriel Gordon (Natalie Merchant, Roachford …), sowie Cellistin Frederique Labbow (Die Happy) und mit Simon Frontzek (Tomte), der koproduziert.

„Bend“, das sind ein gutes Dutzend Songs, die ausschließlich entstanden sind, seit der Sympathieträger seinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat. Mit Geschichten und Erlebnissen, die ihm in seiner Zeit hier bei uns widerfahren sind. Über das Mädchen, das einsam und verloren aus einer Nobelboutique in den Regen starrt („Hannover“), das Pärchen, das sich im Vorübergehen unter Eriks Schlafzimmerfenster streitet („ Honey, Please“), über menschliche Abgründe und Grenzen, zu denen es – einmal überschritten – keinen Weg zurück gibt („Under the Gun“), und über die Anpassungsfähigkeit eines Menschen unter großem Druck („Bend“). - All diesen Figuren haucht Penny seine eigene Poesie ein, besingt ihre Schicksale mit seiner leicht heiser-rauen, ungemein einprägsamen und unverwechselbaren Gänsehaut- Stimme. Eindringlich. Emotional. Ehrlich.

Dabei bewegt sich der mitreißende Bühnen-Entertainer mit fast schlafwandlerischer Sicherheit zwischen Stadionhymne („Under the Gun“), klassischer Pop-Perle („Santa Ana“), leicht folkig angehauchten Singer/Songwriter-Stücken („Fight in You“) bis hin zu absoluten Radio-Smashern („Side of the Road“) und macht das am 12. Februar 2010 erscheinende Album zu einem der ersten wirklichen Höhepunkte des noch jungen Jahres. In wirklich allerletzter Sekunde hat es noch „Fear of Flying“ auf das Album geschafft, in dem Penny (sich) die Frage stellt: „Will you burn a light that the people will remember, will you run alone?“. Ohne zu übertreiben kann man sagen, Erik Penny gelingt es, dieses Licht zu entzünden, ein Feuer zu entfachen und scheinbar mühelos in seiner neuen Heimat ein überaus viel versprechendes Album vorzulegen. Ein Album, das in seinem Anspruch, seiner Produktion und seiner Qualität seinesgleichen sucht und keinen Vergleich zu scheuen braucht. Die erste große Deutschlandtour mit Band ist für das Frühjahr angesetzt. (Andreas Zimmer/2009)

 
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