demnächst

Sportfreunde Stiller
+ Anajo

Dienstag   30/10 2007   20.00 h
Osnabrück, Stadthalle
vvk: 26,10 €



Sportfreunde Stiller

www.sportfreunde-stiller.de

Teil 1. Die trockenen Fakten

Am 03.08. melden sich die Sportfreunde Stiller mit ihrem vierten „regulären“ Album zurück. „La Bum“ ist der Titel vom nächsten Kapitel, vom lang angekündigten Nachfolger zum mit Gold ausgezeichneten und bis dato erfolgreichsten Sportfreunde-Longplayer „Burli“. Jenes Album konnte sich 2004 auf Position 2 der deutschen Charts platzieren und war Heimat von gleich drei Hitsingles. („Siehst Du das genauso?“, „Ich, Roque“ sowie „1. Wahl“)

Seitdem ist viel Wasser die Isar hinuntergeflossen.

Drummer Flo Weber und Sänger Peter Brugger feierten Achtungs- bzw. Charterfolge mit ihren Zweitbands Boltzplatz Heroes bzw. TipTop. Das erste Sportfreunde-Livealbum „Evil“ erschien. Die Sommermärchen-Euphorie der WM 2006 schließlich schenkte unseren drei Bewegungstalenten die erste Nummer Eins für ihren Fußballsong „54, 74, 90, 2006“ (bzw „...2010“). Obendrein trägt der Song den Titel, „Meistdowngeloadeter Song der deutschen Musikgeschichte“. Das WM-Album „You Have To Win Zweikampf“ rauschte in diesem Sog ebenfalls auf die #2. Als Höhepunkt fanden sich Peter, Rüde und Flo auf der Bühne der WM-Abschlussfeier auf der Berliner Fanmeile vor über einer Million Zuschauern wieder.

Die Einmaligkeit dieser Situation und des Hits ist den Sportfreunden natürlich klar. Deswegen geht es weiter im Programm, als wäre nichts geschehen. Oder sagen wir's so: Es geht nicht anders weiter, als es weiter gegangen wäre, hätte der WM-Sommer 2006 nicht stattgefunden.

Alles roger?

„La Bum“ wartet also einmal mehr mit den Stärken und den lieb gewonnenen Schwächen auf, für die wir die Sportfreunde ins Herz geschlossen haben: Melodien, die ins Ohr gehen und es sich dort häuslich einrichten. Unzynische Lieder ohne Schlaubergerei, die sich der mutigen Aufgabe stellen, nicht weniger als das Wahre, Berührende und Schöne zu suchen und dies in klaren Worten und holprigen Reimen finden. Songs über die Dinge eben, über die sich drei Glückspilze mit offenen Augen aus dem Süden so Gedanken machen. Lieder über Liebe, die glückliche („In unmittelbarer Ferne“) und die unglückliche („Tu nur das, was dein Herz dir sagt“). Über Vorbilder (“Legenden“) oder über Erinnerungen „9/95er Tief über Island“. Lieder, die bei ihren zahlreichen Fans, die sich die gleichen Gedanken machen, offene Türen einrennen.

Picken wir uns ein paar dieser Titel:

Zum Anfang eines Albums sollte Aufbruchstimmung herrschen, und schmissiger als mit „Das nächste Kapitel“ könnte man ein solches nicht aufschlagen. „Alles Roger!“ legt noch eine Schippe drauf. Es darf gerockt werden, mit Augenzwinkern. Dabei macht sich der Text nicht nur leichtfüßig über den Wahn, Fremdwörter zu gebrauchen, lustig. Sondern behandelt im Kern, so Peter, Kommunikationsstörungen und Missverständnisse.

Bassist Rüde steuert den Text zu „In Unmittelbarer Ferne“ bei. Eine verliebte Ballade über ein Thema, das tourende Musiker zur Genüge kennen, aber auch Fernfahrer, Stewardessen, oder wer immer sonst viel unterwegs sein muss: Der Trennungsschmerz on the road. Die einfachen Worte sagen es oft am ehrlichsten und besten: „Du fehlst mir, du fehlst mir!“

Dies gilt auch für „Tu nur das, was dein Herz dir sagt“. Dies ist schließlich der einzige Tipp, den man in einer Situation wie dem gleichnamigen Song (= Beziehung droht, den Bach runter zu gehen) geben kann. Der Text stammt hier übrigens von Drummer Flo, der damit also auch all jenen, die ihn für den Bandclown Haudrauf halten, beweist, dass er auch gefühlvoll kann.

Ein Highlight sicher auch „Eine gute Nacht“. Ein Gitarrenriff, dafür geschaffen, die Indie-Dancefloors zu fressen, und ein Refrain, der Euphorie in Worte packt, wie es nur die Sportfreunde können: „Da oben leuchten die Sterne, und hier unten leuchten wir!“

Den glorreichen Abschluss bildet letztlich das hymnenhafte „Legenden“. Ein Song, der bewusst allgemein inspirierenden Menschen, Vorbildern, gewidmet ist, egal ob privat oder prominent – die Sportfreunde nennen keine Namen, schließlich sollen die Fans hier ihre eigenen Assoziationen einsetzen. (Sollen WIR einen verpetzen? Buffalo Tom. Stichwort „You have to dream bigger!“). Sagten wir „Hymne“? Die „Nananana!“s zum Ausklang dieses künftigen Sporties-Klassikers sind so gekonnt frech bei „Hey Jude“ gemopst, dass Noel Gallagher zufrieden grinsen würde.

Ganz ohne Neuerungen kommt auch „La Bum" dennoch nicht aus. Auch bei den Sportfreunden wird dauerhafte Beschäftigung mit dem Instrument ausweglos ins zwangsweise Beherrschen desselben führen (irgendwann jedenfalls), ergo erleben wir auf „9/95er Tief über Island“ Peters erstes (!Fanfare!) Gitarrensolo! Rüde wiederum wagt sich auf „Sodom“ erstmals ans Mikrofon (in der MiddleEight). Außerdem, und das ist dann doch ein Eingeständnis an den Fußball-Overload: Erstmals wird kein Sportart auch nur irgendwie erwähnt. Wenn man die eine kleine Referenz ans Surfen in „9/95er Tief über Island“ überhört, was wir hiermit geflissentlich tun.

Die erste Single des Album ist „Alles Roger“. Der Song über (so Peter) „Kommunikation und Mißverständnisse“ erscheint am 20.07. und schlägt mit seinem kernigen Gitarrenriff in die Kerbe früherer Sportfreunde-Rocker wie „Ich, Roque“.

Im Herbst gehen die Sportfreunde auf ausgedehnte Deutschlandtournee und leisten sich einmal mehr den Luxus, persönliche Lieblingsbands als Support zu verpflichten: Johnossi, Ash, Shout Out Louds.

Teil 2. Von Anfang an.

Wenn man damals, Mitte der 90s, in Münchens Indie-Britpop-Szene unterwegs war, kannte man sich. Es waren schließlich immer die gleichen Gesichter auf den Konzerten. Man traf sich als eingeschworener Kreis im Strom Linienclub zum Happy Monday von DJ Marc Liebscher.

Also kannte man auch den Peter, der trommelte schließlich bei The Vertical Orange Car Crash. Richtig, richtig gut sogar, elegant, federleicht schwang er die Pinsel und/oder kloppte hart und präzise in die Felle, als perfekter Schattenmann für den virtuosen Gitarristen und Frontmann des Trios. „Der Peter hat jetzt auch ne Band“ erwähnte Nicole eines Tages, als wir verabredeten, uns jene Vertical Orange Car Crash in ihrem heimischen Jugendhaus in Germering anzuschauen. Peters Band nämlich, „Endkrass“, würde an jenem Abend ihr Debüt geben.

Ans Jugendhaus Knast erinnere ich mich wenig. Ein typisches Gemeinde-Jugendzentrum halt. Auch vom Gig von VOCC ist nichts übrig geblieben. Sehr wohl aber erinnere ich mich an den Auftritt von Endkrass. Peter, der doch so feinfühlig trommeln konnte, schrubbte die Saiten seiner Rockgitarre mit der Grazie eines Holzfällers in Skischuhen. An den Drums saß ein Klotz, der sein Instrument offenbar beim „Tier“ aus der Muppet Show gelernt hatte. Wir kannten ihn nicht. Man sagte, das sei der Flo, den habe der Peter beim Studium kennen gelernt. Bassist Andi, der blonde Schlacks, gab sich Mühe, damit so wenig wie möglich zu tun zu haben.

Was hatten wir einen Spaß!

Denn so dilettantisch dies war, so unmöglich war es, nicht von einem Ohr zum Anderen zu grinsen. Den Buben waren ihre Defizite ja mehr als bewusst. Aber sie machten sich eine Gaudi draus, sie kokettierten damit. Über versaute Einsätze oder den falschen Akkord lachten sie selbst am lautesten. In der Nacht waren wir uns alle einig, dass Endkrass eine Show waren. Plus: An ihre Songs wie „Lobby“ oder „Unbekannten Jahren“ konnte man sich noch Wochen später erinnern.

Als wir kurz darauf hörten, dass Marc (Liebscher, ihr kennt ihn), der auch in Germering war an jenem Abend, die Drei nun managen wollte, hielten wir das trotzdem für albern oder zumindest unangemessen. Wer würde diese brezelnden Anfänger schon hören wollen? Außer uns, die ja ihre Kumpels waren? Wie auch immer, wenn sie dann auftraten, waren wir so oft wir konnten dabei. Weil man jedes Mal wusste: das wird ein Top-Spaß.

Sie spielten jetzt häufig. Marc organisierte ein Konzert nach dem Anderen. Sie hießen auch nicht mehr Endkrass, sondern Stiller. Andi stieg irgendwann aus und wurde ersetzt. Zuerst durch einen lebensgroßen Mr. Spock aus Pappe, dann durch einen genauso schweigsamen Typen, der seine Lockenmähne im Kreis schwang und als Erster in dieser Band sein Instrument zu beherrschen drohte. „Rüde.“ Wir wollten Mr. Spock zurück. Anfangs, später hatten wir ihn akzeptiert. Aber wir wurden ja nicht mehr gefragt.

Denn wir waren längst nicht mehr nur noch die alte Strom-Clique, die sich auf den Konzerten traf. So wie uns ging es nämlich allen. Wer Stiller gesehen hatte, kam garantiert wieder. Und hatte Freunde dabei. Die Hallen wurden größer. Die Konzerte fanden nicht mehr nur in München statt. Und wenn im Umland ein Festival war, war ein Slot des Programms wahrscheinlich an die Drei vergeben.

Einwurf.

Wir hätten es eigentlich spätestens jetzt merken müssen, dass diese Drei was ganz Ausgezeichnetes, Unwiderstehliches hatten. Dass ihre Fähigkeit, auf Konzerten und in Songs eine Verbindung, ja eine Freundschaft zu ihrem Publikum aufzubauen, ihresgleichen sucht. Vielleicht sogar weltweit. Schaut sie euch heute auf einer großen Festivalbühne an – zwischen den größten Namen. Und welcher Band frisst das ganze Publikum aus der Hand? Von welcher Band hat jeder Einzelne im Publikum den Eindruck, die da oben seien seine Kumpel, mit denen man sich sonst abends aufs Bierchen trifft?

Uns hätte auch auffallen müssen, dass ihre Songs weit mehr waren als munter erstolperte Glückstreffer. Ihre Refrains blieben in unserem Kopf – und das ist doch, was Refrains tun sollen. Auch die Texte waren längst nicht so unbedarft, wie sie taten. Aber es war halt die Zeit, in der deutscher Gesang noch streberhaft und neunmalklug sein musste. Wenig aussagte, dies aber in möglichst komplizierten Wortkaskaden. Dass hier der umgekehrte Weg gegangen wurde – mit einfachsten Worten die wichtigen Dinge zu tacklen – kapierten wir erst viel später.

Damals fanden wir noch, dass doch andere Bands CDs aufnehmen, aber doch nicht Stiller. Die EPs „Macht doch was ihr wollt – ich geh' jetzt“ und „Thonträger“ mussten wir andererseits aber natürlich haben. „Den Laden machen die doch nie voll!“ sagten wir, als sie das Metropolis buchten. Und fanden uns unter 700 Fans wieder. Wir sagten das Gleiche übers Babylon. Da passen 1.500 Leute rein. Ausverkauft, eh klar.

Inzwischen waren aus Stiller die „Sportfreunde Stiller“ geworden. Weil es immer irgendwo eine obskure Hamburger Band gibt, die deinen Namen schon besetzt hat.

Das aber änderte gar nichts. Von nun an hörten wir nicht mehr auf zu Staunen, Jahr für Jahr. „Wie jetzt, die haben nen Majorvertrag unterschrieben?“ Naja, so sehr man es ihnen gönnte, jetzt war aber das Höchste der Gefühle erreicht. Dachte man, bis man tatsächlich das Video von „Wellenreiten“ plötzlich auf MTV sah. Auch „Fast wie von selbst“ das „Heimatlied“ und „Wunderbaren Jahren“ liefen nicht nur, sondern waren echte Hingucker. Das Debütalbum „So wie einst Real Madrid“ knackte sogar die Charts. Wow. Doppelwow.

Zwei Jahre danach: „Ein Kompliment'“ toppte das Erreichte noch mal. Jetzt wurden sie sogar im Radio gespielt. Das dazugehörige Album „Die Gute Seite“ ging... in die TOP TEN?? „Eine GOLDENE Schallplatte?“ „Der ECHO???!!“

Okay, DAS war aber wirklich das Ende der Fahnenstange. Alles, was diese drei Chaoten möglicherweise erreichen könnten, war erreicht.

Von wegen, es ging noch mal weiter nach oben.

Album Nummer Drei, „Burli“, wurde nur von der in der gleichen Woche veröffentlichenden Anastacia von der Nummer Eins zurückgehalten. Den Hits „Ich, Roque“ und „Siehst Du das genauso“ konnte man unmöglich aus dem Weg gehen. Die goldene Schallplatte war jetzt fast schon selbstverständlich, an die Gesichter der Drei im Fernsehen hatte man sich fast gewöhnt. Auch an der Münchner Olympiahalle scheiterten sie nicht. Statt dessen spielten sie die 10.000er-Halle, als wäre sie das Knast in Germering. Vor einem Publikum aus besten Freunden. Nur halt ein paar mehr.

Und dann: 2006. Die Zahl, bekannt auch aus dem Songtitel. Das Sommermärchen. Ein Lied, gegrölt aus hunderttausend Kehlen. Ergebnis – was auch sonst - einer bandinternen fixen Idee, die sich zur richtigen Zeit den richtigen Ort fand, um das Richtige zu sagen. Am Ende stand die Fanmeile.

2007. „La Bum“. Es kann nur noch abwärts gehen. Das bisher erreichte KANN nicht mehr getoppt werden.

Irgendwo habe ich diese Sätze schon mal gehört...

Text: Henning Furbach


Support: Anajo

www.anajo.de

Anajo sind zur Stelle, wenn man die Welt nicht mehr versteht. Sie setzen der Ratlosigkeit die Kirsche auf - und alles, was auf den Magen schlägt, schmeckt plötzlich viel gesünder.

Ich weiß das. Im Herbst 2004 war mir gerade mal wieder die Liebe davongelaufen, und es hätte die Zunge eines Ochsen gebraucht, um diese Wunde zu lecken. Musik musste her. „Nah bei mir“, Anajos Debüt, empfahl sich schon qua Titel als Soundtrack meiner Nöte. Entgegen aller Erwartung erlebte ich keine dieser kammermusikalischen Träufeleien, die einen die Seele aus dem Leib flennen lässt. Wütende Töne? Fehlanzeige. Trotzdem vermochte diese Musik alles zu retten, was eine sterbende Liebe üblicherweise mit in den Tod reißt: den Tatendrang, den Humor und ein offenes Ohr für aufrichtende Worte. Bald konnte ich neuen Abenteuern und alten Nervensägen wieder strammen Hauptes begegnen. „Nah bei mir“ war rund, bunt und gut gelaunt wie die wassergefüllten Plastik-Boccia-Kugeln auf dem Cover; solche, mit denen ich 1972 die Quallen an Bulgariens Schwarzmeerstrand beworfen hatte. Ich fühlte mich sehr verbunden.

Jetzt ist das zweite Album da.

Ein bisschen später als geplant, Anajo machen es sich nicht so einfach wie sie klingen. Es ist wie mit jeder Kunst, die leicht wirkt: sie ist schwer zu vollbringen. Aber hier ist sie nun, Anajos Zweite: „Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?“ Die Frage ereilt auch mich. Kennen wir uns? Was ich über Anajo sicher weiß: Sie kommen aus Augsburg und sind zu dritt. Oder zu viert? Sie heißen Oliver Gottwald (Gesang und Gitarre), Michael Schmidt (Bass und Tasten), Ingolf Nössner (Schlagzeug)und - unsichtbar, aber nicht wegzudenken - Alaska Winter, ihr Produzent seit der ersten Stunde. Meine Berufung zum Anajographen verdanke ich einer wohlfeilen Bemerkung, die mir als kritischer Radioredakteur über die Lippen wich und der Band irgendwie passabel erschien. Anajo, so formulierte ich, sei die einzige Band in Deutschland, die die Disziplinen Satire, Surrealismus, Realromantik und lupenreine Popmusik gleichermaßen beherrscht und darüberhinaus in der Lage ist, all das in ein mitreißendes Ganzes zu fügen. (Wer noch so eine Gruppe kennt - bitte melden!)

Ich kann es auch so sagen: In Anajo habe ich eine milde anarchische Freude wiederentdeckt, wie ich sie zuletzt auf Rio Reisers Soloalbum „Rio I.“ fand. Das war vor 20 Jahren. Der größte Unterschied ist, dass Anajo das Private dem Politischen vorziehen. Und dass sie sich die Eselsmütze besonders oft auch selbst aufsetzen. „Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?“ führt nahtlos fort, was „Nah bei mir“ begann. Auch deshalb ist es müßig, viele Worte über das neue Album zu verlieren. Das ist keine Musik, die man mal hört und sagt, ja, gefällt mir ganz gut. Wer an Anajo Gefallen findet, wird sie völlig verinnerlichen, das kommt ganz von alleine. Wie Grippe. In gesund. Ich erinnere mich, wie meine Kollegen vor zwei Jahren alle vier Anajo-Songs mitsingen konnten, die im Programm rotierten (gleichzeitig! - das hat keine andere Band je geschafft, auch nicht aus Amerika): „Ich hol dich hier raus“, „Honigmelone“, „Monika Tanzband“ und „Vorhang auf“ waren Hits im besten Sinne, und in Anbetracht von zehn weiteren großartigen Nummern auf „Nah bei mir“ wussten wir, dass diejenigen, die Anajo übersehen, blind sind für Großes. Anajo sind auch nur Helden! Und nehmen prompt ein Mädchen mit aufs Zimmer: Suzie Kerstgens von Klee singt ein Stück mit. Meine Favoriten auf „Hallo, wer kennt hier eigentlich wen““ sind „Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?“, „Wenn du nur wüsstest“, „Herz Ass“, „Mein lieber Herr Gesangsverein“, „Franzi +2“. Und die übrigen acht Lieder. Es gibt aber auch so genug Gründe, diese Band ins Herz zu schließen.

Grund genug: Oliver, Michael und Ingolf haben keine Angst vor Melodien, die mit Kitsch verschwägert oder verwandt sind. Manche Dinge kann man sich nicht aussuchen, sie sind einem mitgegeben. Die drei haben auch keine Not, sich darüber vielfach ironisch zu brechen und zu falten. Sie meinen es so! Sie meinen es ehrlich, mit uns, mit sich. Unter ihrer kirschrot süßen Musik dreht sich ein Strudel von traurigen Gestalten und lustigen Gesellen, voller vertrauter Gefühle und seltsamer Sehnsüchte. Das Herz sagt: Ja, genau! Derweil der Verstand sich am Kopfe kratzt, so unbegreiflich sind die Gedankensprünge in ihrer quirligen kleinen Welt.

Und weil sie auch die unsere ist, singen wir mit.

Grund genug: So wie Oliver singt, singt man eigentlich nicht. Und weil er es eben doch tut, gibt es keinen zweiten, der so glockenhell bübisch intoniert, stets überbetont, Vokale überdehnt (als riefe er einen Hund) und Silben verschluckt (weil er dem Takt hinterhechelt). Hinreißend!

Grund genug: Anajo wissen noch, was „Independent“ heißt. „Wir sind so dermaßen Indie, mehr Indie geht gar nicht. Wir machen immer noch alles selbst: Komponieren, Produzieren, Plattencover, Verstärker schleppen ...“ Überdies erklären sie die Ablehnung von Major-Angeboten (die es zwischenzeitlich zu Hauf gegeben hat) mit einer entwaffnend einleuchtenden Begründung, die sich jede große Plattenfirma an die Wand nageln und einrahmen sollte: „Wir sind lieber das Nummer-1-Thema eines kleinen Labels als die neue Nummer 26 eines Musikriesen.“ Das sitzt. Grund genug: Anajo sind frei von fragwürdigen Attitüden. Abhold sind ihnen Rockstargetue, Künstlergehabe und Coolnessgemache. Aber auch bierseliges Rumkumpeln ist ihre Sache nicht. Ein neckischer Plausch, ein gerstig Bierchen, das geht. Aber dann ziehen sie sich lieber leise zurück. Sie sind auf greifbare Art und Weise unnahbar. Für ihre Russlandtournee, die sie im Herbst 2006 auf Einladung des Goethe-Instituts absolvierten, haben sie sich artig bedankt und überdies jede Aufregung vermieden und darauf verzichtet, die Reise wie den Besuch eines fremden Planeten zu feiern. Die Magie besonderer Abende ist selten vom Ort allein bestimmt.

Magie, Manieren, Melodie. Wer kennt Anajo?

Anajo sind nicht Deutschlands beste Band.

Anajo sind ein Glücksfall.

Autor: Markus Will

 
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