demnächst

Anna Ternheim

Donnerstag   27/09 2007   20.30 h
Bielefeld, Ringlokschuppen
vvk: 18,30 €



Anna Ternheim

www.annaternheim.de
www.myspace.com/annaternheim

Ort des Geschehens: die britische Botschaft in Stockholm, einen Tag vor einem großen Konzert. Hunderte hohe Tiere aus der ganzen Welt, die für Anna Ternheims Plattenfirma tätig sind, haben sich in einem großen Saal versammelt. Sie sitzen dort mit verschränkten Armen und hören aufmerksam zu. Leute, die schon alles gesehen und noch sehr viel mehr gehört haben. Anna Ternheim sitzt am Piano und hat gerade ihre Coverversion von Broder Daniels “Shoreline” beendet. Nachdem der Applaus verklungen ist, herrscht im Raum eine solche Stille, daß man eine fallengelassene Stecknadel hören könnte. Tatsächlich würde man wahrscheinlich sogar das Geräusch vernehmen können, das eine Stecknadel macht, wenn sie durch die Luft saust. Zögernd beginnt Anna das Intro des nächsten Songs zu spielen, bricht plötzlich ab, schaut das Publikum an und sagt: “Ich habe ein echtes Problem damit, mir Namen zu merken. Aber ich ich bin verteufelt gut darin, mir Gesichter zu merken - und ich wäre wirklich sehr enttäuscht, wenn ich euch morgen nicht alle bei meinem Konzert sehen würde.”

Man könnte sich fragen, wie Anna Ternheim es bei all dem Rummel um sie geschafft hat, das Songmaterial für das Nachfolgealbum ihres 2004 erschienenen Debüts “Somebody Outside” zu schreiben und aufzunehmen. Zur Erinnerung: Auf ihrem Debütalbum, das sie in der Abgeschiedenheit der Insel Gotland aufgenommen hat, präsentierte die junge Schwedin Songs, die sie im Laufe von elf Jahren komponiert und getextet hatte. “Separation Road” wurde nun nach und nach zwischen Tourneen, Interviewterminen und Reisen konzipiert und eingespielt.

Es reicht aber schon, sich den ersten Song “Girl Laying Down” (der auch die erste Single-Auskoppelung ist) anzuhören, um zu erkennen: Anna Ternheim ist es fabelhaft geglückt, sämtliche Fallen, welche die Aufnahme des bekanntlicherweise schwierigen Zweitwerks für jeden Künstler so parat hält, elegant und sicher zu umgehen und ein bewundernswert starkes Nachfolgeralbum zu produzieren. Es ist ein dunkles, aufregendes Album voller Atmosphäre, in deren Mittelpunkt Annas unverwechselbare Stimme steht - eine Stimme, die alle stilistischen Fäden miteinander verknüpft.

“Auf diesem Album wollte ich einen klareren, direkteren Klang haben, so wie ihn gute Live-Aufnahmen bieten”, sagt Anna. “Filmmusik hat mich schon immer fasziniert, und wir hatten schon ziemlich zu Beginn der Aufnahmen den Eindruck, daß einige Songs nach breitwandigeren Arrangements verlangten.”

Daß Ternheim mit “Filmmusik” nicht die unbedarfte Musik romantischer Hollywood-Komödien meint, wird einem sehr schnell klar. Zuhause schaut sich sehr viel lieber DVDs mit Horrorfilmklassikern wie “Nosferatu” oder “Frankenstein” an - kunstvolle Filme mit einer unheimlichen, nahezu klaustrophobischen Atmosphäre. Und genau an diese Atmosphäre erinnern dann auch ein wenig die Arrangements von Liedern wie etwa “One To Blame”. Streicher, die ein plötzliches und gewaltsames Ende ankündigen, treffen hier auf sinnlich dahinfließende Melodien. “Lovers Dream” weckt gewisse Erinnerungen an das Genre des Film noir und gibt dem Wort “Dunkelheit” eine neue Bedeutung. “Separation Road” ist kein vorsichtiges Album: Weder bei den eher spartanisch instrumentierten Nummern noch bei den Songs mit komplexeren Arrangements (eingespielt mit Streichern und Holzbläsern sowie einer Reihe in der Popmusik weniger gebräuchlicher Instrumente) greift Anna auf ein Sicherheitsnetz zurück.

Ein gerne verwendetes Klischee ist in der Musikwelt die Bezeichnung “zeitlose Aufnahme” - gemeinhin bezeichnet man so Einspielungen, die wie für die Ewigkeiten geschaffen wirken und selbst in 3000 Jahren, wenn sie von irgendwelchen die Erde besuchenden Außerirdischen ausgegraben werden sollten, noch immer so interessant und unverbraucht zu klingen versprechen, wie zur Zeit ihrer Einspielung. Anna Ternheim möchte die Bezeichnung “zeitlos” bei ihrer Musik in einem anderen Sinn verstanden wissen. Als sie sich mit ihrem Produzenten Andreas Dahlbäck über die bevorstehende Aufnahme von “Separation Road” unterhielt, kamen die beiden überein, die Songs so klingen zu lassen, daß man sie zeitlich nicht einordnen könnte. Diese Unbestimmtheit schuf Raum für Dramatik und Temperament. Ein Song wie “Tribute To Linn” ist ein typisches Beispiel - er ist grandios und vermittelt einem doch zugleich eine intime Nähe zu Anna. Gerahmt wird dieses Lied von einem wunderschönen Holzbläserarrangement und pechschwarzen, doch eindringlichen Lyrics.

Nachdem Anna die ersten Ideen für die neuen Stücke zu Papier gebracht hatte, machte sie sich schnell daran, die Songs auch fertig zu komponieren. Oft hatte sie am Anfang weder einen Titel für die Lieder noch ein Thema für die Texte. Doch schon bald sollte sich herauskristallisieren, daß es bei den meisten Songs um die gleichen fundamentalen Themen gehen würde: Beziehungen und Trennungen.

“Als ich mit dem Komponieren der Songs anfing, hatte ich eigentlich keinen thematischen Leitfaden, der ergab sich am Ende einfach so. Denn als ich mich an die Texte machte, fiel mir auf, daß sich bei dieser Musik Themen wie Liebe, Freundschaft und Trennung geradezu aufdrängten. Dieses Album handelt von Trennung und davon, daß man seinen Weg zu wählen hat... und dabei andere Optionen verwerfen muß.”

Anna Ternheim ist in vielerlei Hinsicht unkonventionell. Während andere Künstlerinnen für die Cover ihrer Alben schöne Nahaufnahmen von sich auswählen, entschied sich Anna bei ihrem Debütalbum für ein Foto, auf dem ihr Gesicht im Schatten liegt - tatsächlich zeigt das Foto von ihr nur einen vagen Umriß. Für ihr zweites Album nahm sie nun ein Bild, das sie mit einer großen Schar kleinerer Jungen vor einer Windenergieanlage zeigt. Gemeinsam mit dem Fotografen Jonas Linell dachte sie sich ein surreales Szenario aus, das auch vom legendären Pink Floyd-Designer Storm Thorgersons stammen könnte - obwohl das Foto einen unverwechselbar gotländischen Einfluß hat.

“Es gibt so viele ungeschriebene Regeln, wie man als Künstler sein sollte, wie man aussehen und wie man sich geben sollte”, erzählt Anna. “Immer wenn ich auf solch eine Regel stoße, dann sage ich mir: Nein! Ich muß etwas anderes machen! Deshalb fand ich es so großartig, auf das Albumcover ein völlig ausgeflipptes Foto bringen zu können - was auch hervorragend paßte, weil wir uns ohnehin schon in vielerlei Hinsicht sehr weit von ‘Somebody Outside’ entfernt hatten.”

Derselbe Gedankengang führte auch zur Wahl des Regisseurs für das Video zu “Girl Laying Down”. Jerker Josefsson erfaßte, daß Anna einen Stil anstrebte, den man eher man Bands wie Nine Inch Nails oder Marilyn Manson assoziieren würde. “Jerkers Szenario ist auf eine Art, die mich sehr anspricht, unheimlich. Er fand einen Zugang zu den Songs und hob sie auf ein unerwartetes Level.”

 
Anna Ternheim


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